Unterwegs mit 🐾 Orlando 🐾
Fragt ihr euch manchmal, wie das Autorinnenleben so aussieht?
In unregelmäßigen Abständen erzähle ich euch hier vom Schreiben, Lesen, Reisen und dem, was mich sonst so beschäftigt. Mit dabei (auch wenn ausschließlich in meinem Kopf) ist der Kater Orlando. Keiner kann ihn sehen oder hören außer mir. Deshalb habe ich um sein ausdrückliches Einverständnis gebeten über ihn zu schreiben. Er hat gnädig geschnurrt …
Unterwegs in Paddington, April 2026
Ich nehme heute die U-Bahn zu Paddington Station. Orlando kommt mit. Es ist ein wunderbar sonniger Apriltag. Ich erkläre Orlando meine Theorie, dass es in England nur noch zwei Jahreszeiten gibt: die Trocken- und die Regenzeit. Von November bis Mitte April hat es gefühlt jeden Tag geregnet. Jetzt hat zum Glück die Trockenzeit begonnen.
Orlando hört mir nicht zu. „Was machen wir eigentlich in Paddington?“, fragt er gereizt, als wir am Bahnhof ankommen.
„Ich treffe mich mit jemandem“, antworte ich. „Aber wir haben noch etwas Zeit, da können wir noch ein bisschen durch Little Venice laufen.“
„Little Venice – bescheuerter Name“, schimpft der Kater. „Wir sind ja in England und nicht in Italien.“
Er hat heute wirklich schlechte Laune. Am Wetter kann es nicht liegen.
„Naja“, sage ich. „Es ist wirklich nicht wie Venedig, aber es gibt ein paar Kanäle und Boote.“ An einem Straßenschild steht, dass vielleicht Lord Byron die Gegend im Scherz so benannt hat. Ich kläre Orlando nicht auf, denn im Moment ist er einfach nur streitlustig – vor allem, was Namen angeht.
„Ha!“, brüllt er, als wir uns einer kleinen Unterführung nähern. „Die haben diesem Bären doch tatsächlich eine Statue gebaut. Der ist doch so bestimmt schon ganz größenwahnsinnig!“ Er hält an einer Plastikfigur an, die Paddington Bear darstellt.
„Was hast du denn gegen Paddington?“, frage ich überrascht. Bisher dachte ich, dass Orlando die Geschichten immer gern gehört hat. Die Filme fand er doch auch nicht schlecht. Ich überlege kurz, und mir fällt wirklich niemand ein, der Paddington nicht mag.
„Gar nichts“, faucht Orlando. „Aber man kann es ja auch übertreiben. Die Stadt wimmelt doch nur so von Shops, in denen man lauter Zeug mit dem Bären drauf kaufen kann: Geschirrtücher, Notizbücher, Regenschirme, sogar Hundeleinen. Am schlimmsten finde ich jedenfalls, dass sie die U-Bahn nach ihm benannt haben.“
„Haben sie gar nicht“, widerspreche ich, als wir uns an einem Straßencafé vorbeischlängeln. „Paddington heißt so, weil die Familie Brown ihn in der Paddington Station gefunden hat.“
„Wieso heiße ich eigentlich Orlando?“, fragt der Kater. „Hast du etwa auf eine Landkarte von Florida geschaut? Das fände ich total doof …“
„Habe ich nicht“, sage ich schnell. „Dein Name ist mir einfach so eingefallen.“
Wir laufen eine Weile weiter, und Orlando schaut sich nach Werbung und Straßenschildern um. Danach benennt er die Buchcharaktere in einer Geschichte, die er erst noch schreiben muss. „Singha!“, ruft er. „So wie Singha Beer“
Ich nicke und genieße die Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht.
„Bucklersburry!“, ruft er und zeigt auf ein Schild an einem Boot. „Palmers!“ „Marina!“
Ich lasse den Kater für eine Weile allein.
"Wie war dein Meeting?“, fragt er mich, als ich ihn wenig später am Ufer des Paddington Basins wiedertreffe.
„Schön!“, antworte ich. „Und was hast du so gemacht?“
Orlando leckt erst mal sein Fell, bevor er antwortet. „Ich habe mir eine Geschichte ausgedacht“, sagt er schließlich stolz. „Am Bahnhof Waterloo wird ein schwarzer Kater gefunden. Er hat einen Rucksack dabei und ein Schild, auf dem steht: Fütter´ mich. Er redet gern übers Wetter und versteht viel von Gasboilern, auch wenn er sie nicht auswechseln kann. Die Leute mögen ihn aber, weil er so höflich ist und ihm lauter Missgeschicke passieren. Sie finden es auch total niedlich, dass er am liebsten Scones mit Erdbeermarmelade und clotted cream isst. Was meinst du, wie er heißt?“
„Waterloo“, antworte ich.
Orlando nickt gnädig. „Und was hältst du von meiner Geschichte?“
„Könnte was werden“, sage ich. „Vor allem die Sache mit den Gasboilern gefällt mir …“
„Vielleicht“, sage ich zu Orlando, der sich von mir hinter den Ohren kraulen lässt, „bauen sie deinem Kater Waterloo auch irgendwann eine Statue.“
„Kann sein“, gibt Orlando zu, der natürlich genau weiß, dass er im Unrecht ist. „Ich frage mich trotzdem, warum die Leute den Bären so toll finden.“
„Er ist eben total britisch. Auch wenn er aus Peru kommt“, sage ich.
„So wie der Mann von den Gaswerken, der neulich bei uns war?“, fragt Orlando.
Ich bin verwirrt. „War der aus Peru?“, frage ich.
„Nee“, sagt Orlando. „Der war aus Birmingham. Du hast jedenfalls hinterher gesagt, dass er dich an Paddington erinnert.“
Jetzt fällt es mir wieder ein. Der freundliche Ingenieur hat erst mit mir über das Wetter geredet, dann über den Boiler. Das sind zwei Themen, über die Engländerinnen und Engländer meiner Erfahrung nach immer gerne sprechen. Dann hat der Ingenieur seinen Tee mit Milch getrunken und unsere Aussicht bewundert. Anschließend hat er total freundlich und bedauernd erklärt, dass es mit der Wärmepumpe bei uns nichts wird. Die Böden, der Wasseranschluss, die Rohrverlegung. Er hat dabei so niedlich und fatalistisch geklungen, dass ich ihm nicht mal böse sein konnte. So wie bei Paddington eben.
Orlando wirkt nachdenklich: „Wie suchst du eigentlich die Namen für deine Bücher aus?“ Das ist eine Frage, die mir öfter gestellt wird.
„Die fallen mir meistens einfach so ein“, gebe ich ihm meine Standardantwort.
„Glaube ich nicht“, sagt der Kater.
„Also gut“, gestehe ich. „Manchmal sehe ich einen Namen, der mir gut gefällt, und den verwende ich dann in einer Geschichte“, sage ich. „Neulich waren wir in einem Restaurant, dass hieß Caledonian, und jetzt heißt jemand in meinem nächsten Buch eben Caledonia.“
„Wusste ich es doch!“, ruft Orlando, während er gefährlich nah am Kanal entlangläuft. „So einfach machst du dir das!“
„Ich finde das nicht einfach“, widerspreche ich. „Der Name muss ja passen und sich gut anhören.“
„Nimm doch einfach auch mal den Namen einre U-Bahn Station“, schlägt Orlando vor. „Barbican finde ich gut, oder Osterley“
„Hmm. Ich weiß nicht …“, sage ich.
Unterwegs an der Southbank, Dezember 2025
„Gehen wir heute endlich zur Southbank?“, fragt Orlando.
„Was willst du denn bei der Southbank?“, frage ich, obwohl ich genau weiß, was der Kater vorhat. Orlando ist ein Serien-Junkie. Ich bin mir nicht sicher wie ein Kater, der nur in meinem Kopf existiert, mehr fernsehen kann als ich. Ihm gefällt alles, was mit Spionen oder Agenten zu tun hat.
Jetzt starrt er mich erwartungsvoll an.
„Es fängt gleich an zu regnen, und in zehn Minuten wird es dunkel“, wehre ich seinen Vorschlag ab.
„Das ist doch wunderbar! Genauso, wie ich es mir vorgestellt habe! Wenn wir dann nach Hause kommen, sehen wir uns gleich nochmal alle Folgen von Black Doves an.“ Orlando marschiert zur Tür, aber ich folge ihm nicht.
„Mein Weihnachtswunsch“, maunzt er.
Fünfzehn Minuten später sitzen wir in der vollbepackten London Overground Bahn auf dem Weg nach Waterloo. Wie so oft, wenn ich mit dem Kater unterwegs bin, lässt er mir keine Ruhe.
„Psst!“, flüstert Orlando verschwörerisch. „Schau mal die Frau mit dem Pferdeschwanz da drüben.“ Ich erkenne sofort, wen Orlando meint. Dunkle, perfekt gestylte Haare, dezenter Lippenstift, von Kopf bis Fuß in schwarz gekleidet.
„Was ist mit ihr?“, frage ich.
„Auf dem Weg zum MI6“, mutmaßt der Kater.
„Nur, weil jemand so aussieht wie in deinen Spionagethrillern, muss sie nicht gleich zum MI6 gehören“, sage ich. Die Frau hebt kurz ihren Kopf, wickelt sich einen schwarzen Schal um und schaut in unsere Richtung.
„Mach dich bloß nicht verdächtig!“, flüstert Orlando.
Ich drehe meinen Kopf zum Fenster. Clapham Junction, Vauxhall. Und dann endlich unsere Station.
„Da!“, kreischt der Kater aufgeregt, als wir den riesigen Bahnhof Waterloo verlassen. „Siehst du sie nicht?“
Die Frau ist auch ausgestiegen. Sie bahnt sich ihren Weg durch die Menge und läuft an der ersten Ampel bei rot über die Straße.
„Diese Lässigkeit!“, ruft Orlando verzückt. „Diese Anmut! Wie in Black Doves!"
„In Black Doves deiner Lieblingsserie?“, frage ich, obwohl ich die Antwort natürlich kenne.
„Slow Horses mag ich auch sehr”, sagt er und wir laufen am National Theatre vorbei in Richtung Fluss.
Ich muss lachen.
„Was denn?“, fragt Orlando.
„Naja“, sage ich. „Deine Lieblingsserien sind beide nach Tieren benannt: Doves und Horses, also Tauben und Pferde, aber keine Katzen.“
Orlando schweigt beleidigt. Als wir an der Themse ankommen, redet er immer noch kein Wort.
„Ein Weihnachtsmarkt!“, stelle ich überrascht fest. Jetzt finde ich den Ausflug doch ganz schön. Natürlich habe ich mich zu früh gefreut. Die Buden hier verkaufen keine Lebkuchen und keinen Glühwein, sondern Bier und Churros.
„Los jetzt!“, kommandiert Orlando, doch als ich mich weiter an den weihnachtlich
dekorierten Ständen vorbeidränge, entdeckt er die Westminster Bridge am anderen Ufer:
„Da drüben ist Scotland Yard und hier weiter am Fluss entlang nach Westen kommt man zum MI6 Hauptquartier!“
„Dem echten Hauptquartier, nicht dem erfundenen ‚The Park‘, das sie immer bei Slow Horses zeigen“, ergänze ich.
„Künstlerische Freiheit“, murmelt Orlando. „Du kannst dich nicht beschweren. In deinen Büchern können Tiere sprechen. So wie ich.“
Ich verkneife es mir, Orlando den magischen Realismus zu erklären, denn im Moment haben wir ein viel größeres Problem. „Wie blöd“, sage ich und zeige auf die Reihe der winterlichen Buden am Fluss. „Die Bänke sind weg.“
Zwischen einem Cocktailverkäufer und einem Stand mit Postkarten und Postern hat man den perfekten Ausblick auf die Nordseite der Themse: Big Ben und die Houses of Parliament im Blick.
„Hier wäre also normalerweise deine Bank“, erkläre ich dem schockierten Kater.
„Deshalb schleppst du mich hierher!“, entrüstet er sich. „Hättest du dich nicht vorher informieren können! So ein dummer, überflüssiger Weihnachtsmarkt!“
„Ich finde den Weihnachtsmarkt auch nicht toll“, stimme ich ihm zu. „Schau mal da, neben dem Karussell – ein Fish und Chips Stand.“ Normalerweise liebt Orlando den Geruch von Fish und Chips, aber heute kann ihn das auch nicht beruhigen. Also laufen wir ein Stückchen weiter, bis wir die Buden hinter uns gelassen haben.
„Da!“, kreischt der Kater begeistert. „Eine Bank.“
In der Tat. Ein paar der Bänke wurden nicht abgebaut und sie haben ebenfalls einen prima Blick auf Big Ben. Wir steuern sofort eine davon an, auch wenn es vermutlich nicht die Bank aus der Fernsehserie ist.
„Mach ein Foto. Jetzt! Sofort!“, befiehlt Orlando.
Ich zücke mein Handy, um Bank und Themse zu fotografieren.
„Da sitzt aber jemand!“, sage ich zu Orlando.
„Egal! Foto!“ Der Kater springt vom Boden auf meine Schulter, sodass mir fast das Handy aus der Hand fällt. Ich schnappe nach Luft und beginne gleichzeitig zu fotografieren. In diesem Moment dreht sich die Person auf der Bank um.
„Die Frau aus der Bahn!“, stelle ich fest.
„Die Spionin!“, ruft Orlando.
Die Frau mit dem Pferdeschwanz sieht mich fragend an, aber bevor ich etwas sagen kann, steht sie auf und läuft davon.
Während Orlando sich vor Aufregung gar nicht einkriegen kann, fotografiere ich die nun freie Bank.
Orlando springt darauf und sucht nach verborgenen Botschaften von der Geheimagentinnen und Spionen, wird aber nicht fündig.
„Können wir dann jetzt wieder zurückfahren?“, frage ich.
Der Kater überlegt noch. „Schreib doch mal eine Spionagereihe!“, schlägt er vor.
„Klar“, sage ich. „Wie wäre es mit Fast Cats? Du weißt schon, anstelle von Slow Horses.“
Orlando lacht nicht über meinen Witz. Er ist auf das Geländer am Fluss gesprungen, was ich ziemlich gefährlich finde.
„Was hast du denn?“, frage ich.
„Schau mal!“, sagt er und weist mit der Pfote auf den Weg entlang der Themse.
Ich kneife die Augen zusammen. Eine Gestalt im langen, schwarzen Mantel mit wehendem Schal läuft zielstrebig in Richtung Vauxhall.
„Ist sie das etwa schon wieder?“, frage ich.
Orlando nickt begeistert. „Und ich weiß auch, wo sie hinwill. Zum MI6! Ich hatte nämlich recht!“
„Vielleicht“, sage ich und wundere mich ein bisschen, ob Orlando heute wirklich eine Spionin gefunden hat. Fast Cats, denke ich – klingt doch gar nicht so schlecht …
Unterwegs in Brüssel, November 2025
„Morgen!“ Orlando weckt mich mit einem Pfotenschlag auf den Kopf. „Ich komme mit!“
„Wohin?“, frage ich verschlafen. „Buchpost einwerfen“, sagt der Kater. „Kannst du ja hier nicht mehr machen wegen dem Brexit und so …“ Orlando versteht nichts von Politik, aber das Wort Brexit hat er sich behalten.
„Oh.“ Ich hatte mich eigentlich auf einen ruhigen Tag gefreut. Zwei Stunden im Zug nach Brüssel, dann noch eine Stunde Weiterreise bis nach Aachen. Zur Post, zum Weihnachtsmarkt, zur Buchhandlung und zurück. Ein ruhiger Tag eben und alles ohne den Kater.
„Aber ich muss schreiben!“, widerspreche ich, obwohl ich weiß, dass dieses Argument bei Orlando nicht zieht.
„Du musst was erleben, und ich auch“, sagt Orlando. Und schon sitzt er auf meinem Rucksack mit den fünfzehn Büchern darin, der auch ohne unsichtbaren Kater schon schwer genug ist.
Die Fahrt von London nach Brüssel verläuft friedlich. Orlando lässt mich in Ruhe und ich schreibe über fantastische Wesen und ihre Abenteuer an meiner liebsten Arbeitsstelle: einem Sitzplatz im Zug.
„Und jetzt?“, fragt Orlando, als wir in Brüssel aussteigen. „Umsteigen“, erkläre ich. „Wir haben zwanzig Minuten Zeit.“ „Langweilig“, beschwert sich Orlando.
Der Bahnhof in Brüssel ist gespenstisch ruhig heute. Die Anzeigentafeln sind blank, die Gleise leer. Streik – wie meine Bahn App verkündet, aber die Züge nach Deutschland sollen trotzdem fahren.
„Gemütlich hier“, sagt Orlando. „Nicht so hektisch wie in London.“
Ich habe keine Lust, dem Kater zu erklären, was Streik ist. Nicht zu tun, was andere von ihm erwarten, ist quasi sein Dauerzustand. Katzen streiken ja häufig.
Am Gleis keine Anzeige und ratlose Fahrgäste. Ich schaue auf mein Telefon. „Da steht der Zug ist schon abgefahren“, wundere ich mich. „Seltsam.“
„Warum seltsam?“, fragt Orlando.
„Weil die Bahn nie zu früh, aber sehr oft zu spät abfährt“, erkläre ich.
„Frag mal jemanden, was hier los ist“, sagt Orlando.
Bevor ich das tun kann, stellen andere Menschen mir bereits Fragen. Amerikaner, Deutsche, Belgier – alle sind verwirrt und das gleich in mehreren Sprachen. Großes Chaos am Bahnsteig, bis sich herausstellt, dass der Zug wirklich weg ist und der nächste erst in zwei Stunden fährt.
„Wir fahren zurück“, erkläre ich Orlando, und er merkt, wie enttäuscht ich bin.
„Und die Bücher?“, fragt er.
„Da muss ich mir was überlegen.“
Drei der anderen Gestrandeten warten auf die nächste Fahrtmöglichkeit. Ich überlege, inwieweit man wohl der Post in Brüssel trauen kann, und ob ich meine Bücher hier einwerfen sollte. Das Land ist ja wenigstens nicht vom Brexit betroffen.
„Die gehen Kaffee trinken“, raunt Orlando mir zu.
„Wir gehen zur Post – hier in Brüssel“, entgegne ich.
„Sag mal, kommen überhaupt Katzen vor in dem Buch?“, stellt Orlando mir seine Lieblingsfrage, auf die er die Antwort bereits kennt.
„Nein“, sage ich. „Diese Reihe ist vollkommen katzenlos.“
„Dann geh besser Kaffeetrinken. Die Leute sind doch nett!“, sagt der Kater.
Sie sind nett. Chris und Melissa aus Denver und Matthias aus Köln. Wir sprechen über das Wetter in Colorado, und andere Städte wie Brüssel, in denen Matthias schon gelebt hat. Darüber, wie ich es nach 25 Jahren im Ausland nun in Deutschland finde.
Ich denke kurz nicht an den Weihnachtsmarkt, die Buchhandlung und die Bäckerei, doch die Bücher wollen mir nicht aus dem Sinn. Also beschließe ich mit Chris, Melissa und Matthias den nächsten Zug zu nehmen, auch wenn es problematisch mit meiner Rückreise werden könnte.
Der ICE rollt ein und zu unserer Überraschung finden wir darin einen perfekten Vierertisch und einen verständnisvollen Schaffner. Wir unterhalten uns weiter. Chris hat als Kind in Deutschland gelebt und seine Großmutter kommt aus Bayern. Melissa arbeitet in einem Pflegeheim für Demenzkranke.
Und Matthias, so stellt sich heraus, hat eine Sprachschule speziell für Chinesinnen und Chinesen, die ihr Deutsch verbessern wollen. Zufall, denn ich habe ja Chinesisch studiert und Matthias, der auch diese Sprache beherrscht, testet gleich meine Sprachkenntnisse. „Ziemlich peinlich für dich“, flüstert Orlando, denn es ist mindestens fünf Jahre her, dass ich das letzte Mal Chinesisch gesprochen habe.
Der Kater hat es sich auf dem Tisch der Deutschen Bahn bequem gemacht und ist am Einschlafen. Chris erzählt von seiner Flugangst – ich kann das gut nachvollziehen, und Melissa berichtet von einem stressigen Langstreckenflug mit Umsteigen. „Da hatten wir auch noch unsere Katzen dabei“, sagt sie und zeigt ein Foto von einer rot-schwarz-weißen Schönheit.
Orlando ist sofort hellwach. „Wie heißt sie? Wie alt ist sie?“, redet er dauernd dazwischen. Er kann sich gar nicht mehr beruhigen, doch für mich ist es Zeit zum Aussteigen.
„Das war sehr unerwartet und hat mich riesig gefreut“, sagte ich zum Abschied zu meinen Mitreisenden.
„Geh´ noch nicht!“, protestiert Orlando. „Wir müssen doch mehr über die Katze herausfinden. Frag nach der Adresse, dann könnten wir sie mal besuchen. Colorado klingt doch super!“
„Nein“, widerspreche ich. „Wir müssen zur Post. Wir haben exakt 42 Minuten Zeit. Dann geht es zurück nach Brüssel.“
Ich bin erleichtert, als die Buchpost frankiert und unterwegs ist, aber auch ein bisschen wehmütig, was den Weihnachtsmarkt und die Buchhandlung angeht. In kürzester Zeit bin ich auf dem Rückweg nach Brüssel und dann wieder im Eurostar.
„Das war doch ein schöner Ausflug“, sagt Orlando, als wir durch den Tunnel unter dem Meer brausen.
„Anders als geplant“, sage ich. „Kein Weihnachtsmarkt, keine Buchhandlung.“
„Aber du hast was erlebt“, sagt der Kater zufrieden und schnurrt.
Unterwegs in Kent, November 2025
Orlando hat schlechte Laune. Vielleicht mag er einfach den November nicht. Oder er ärgert sich, dass gerade ein Buch von mir erscheint, in dem keine Katzen vorkommen.
„Komm mit nach Kent“, schlage ich also vor.
„Was willst du denn in Kent?“, fragt er und schaut gelangweilt aus dem Fenster.
Ich denke kurz nach. In Wahrheit ist es hauptsächlich eine Recherchereise, aber ich will Orlando nicht zu viel über mein neues Projekt erzählen. „Eine Freundin treffen“, sage ich.
„Du hast Freundinnen? Hast du bei dem ganzen Schreiben überhaupt Zeit dafür?“, fragt Orlando immer noch ohne mich anzuschauen, aber ich fange keinen Streit mit ihm an. Er streckt sich und dehnt sich, und sieht auf einmal ganz unternehmungslustig aus.
Wir nehmen den Zug ab Euston Station. Orlando schaut ungläubig auf die Anzeigentafel. „Nach Sandwich?“, fragt er, als wir am Bahngleis stehen. „Soll das ein Witz sein?“
„Nein“, erkläre ich. „Das ist ein Ort in Kent und angeblich hat dort ein Earl das Sandwich erfunden. Aber wir fahren nicht nach Sandwich. Wir steigen ein paar Stationen vorher aus.
Der Zug ist nicht besonders voll und das Abteil hat bequeme Sitze.
Wir schauen aus dem großen Fenster und werfen einen Blick auf die Boote am Regent´s Canal, als wir die Station verlassen. Dann brausen Orlando und ich durch die Londoner Vororte bis die Häuser spärlicher werden und ein paar Hügel auftauchen, immer auf dem Weg zur Küste.
„Ist dir langweilig?“, frage ich den schweigsamen Kater.
„Hmm.“ Er presst die Schnauze ans Fenster und fragt: „Planst du ein neues Projekt?“
„Kann sein“, antworte ich ausweichend.
„Mit Katzen?“, bohrt Orlando weiter.
„Ich weiß noch nicht“, sage ich, obwohl ich kein Katzenbuch geplant habe.
„Wenn da Katzen vorkämen“, sagt Orlando jetzt und klingt mit einem Schlag viel fröhlicher. „Dann könnte ich dir wieder helfen beim Schreiben.“
Das Meer taucht auf unserer rechten Seite auf und jetzt ist Orlando völlig begeistert. „Du kannst über Katzen schreiben, die am Wasser leben!“, ruft er. „Katzen, die schwimmen können!“
Meine Freundin holt uns am Bahnhof ab. Sie kennt sich gut aus in der kleinen Stadt Deal, aus der ihre Mutter stammt und in der sie einen Teil ihrer Kindheit verbracht hat.
Vor uns liegt eine lange Zeile von Häusern, die aufs Meer schauen. Sie stammen größtenteils aus der Zeit von King Edward.
„Die Gegend hier war voll mit Schmugglern“, erklärt meine Freundin.
„Katzenschmuggler - großartig!“, jauchzt Orlando.
„Der Lord Warden of the Cinque Ports – das heißt der Lord Wächter über die fünf Häfen – hat hier in dem Schloss Walmer Castle gelebt!“, berichtet meine Freundin im Vorbeifahren.
„Lord Kater der Fünf Häfen“, jubelt Orlando, als er das Schloss sieht. „Da hast du gleich einen Titel für das neue Buch!“
Wir machen einen Spaziergang und laufen den Weg am Kieselstrand entlang zu einem einsamen Pub. Meine Freundin erklärt, dass in ganz England dieser Pub geografisch Frankreich am nächsten ist.
In diesem Moment empfängt mein Telefon eine Nachricht. Willkommen in Frankreich, lese ich verblüfft. Meine Freundin lacht. „Das passiert hier dauernd! Dein Telefon denkt, du bist in Frankreich.“
Auch Orlando denkt, er ist in Frankreich, denn er fängt an, französische Lieder zu trällern. Manchmal bin ich wirklich dankbar, dass nur ich ihn hören kann.
Die Sonne durchbricht den grauen Himmel und jetzt kann man die französische Küste ganz klar erkennen.
„Mon Dieu!“, ruft Orlando und legt einen schrecklichen französischen Akzent an den Tag: „Isch denke, wir sollten im Buch ein paar ´übsche, französische Katzen einplanen.“
Wir sitzen wieder im Auto und fahren steile serpentinenartige Straßen hinauf. Immer wieder blitzt die Küste neben uns auf. Die Sonne scheint nun auf das Wasser und es ist so märchenhaft schön, dass auch Orlando für eine Weile ganz still ist.
Dann sind wir angekommen. Oben auf den berühmten Kreidefelsen. Orlando geht so dicht an den Abgrund heran, dass mir schwindlig wird.
„Mutige, draufgängerische Piratenkatzen!“, ruft er freudig.
Ich genieße die Aussicht.
Als wir schließlich bei einem Leuchtturm angelangen, hat Orlando den gesamten Plot für ein Buch geplant. „Die einsame Leuchtturmkatze rettet die Menschen im Dorf – meinetwegen auch in Sandwich – vor den wilden Piratenkatzen. Was meinst du?“
„Klingt gut“, sage ich zu Orlando. Solange ich das nicht schreiben muss, denke ich im Geheimen.
Unten am Strand treffen wir ein paar Bekannte meiner Freundin. Wir reden über die Gegend und übers Schreiben. Ich bin nicht die Erste, die hier Inspiration sucht. „Wart ihr bei Ian Flemings Haus?“, fragen sie mich und auch Orlando wird ganz ehrfürchtig. Er liebt James Bond und findet es großartig, dass Ian Fleming, der Autor, hier in Kent gewohnt und geschrieben hat.
„Du kannst uns wahrscheinlich noch nicht verraten, was du planst?“, fragt mich eine der Bekannten nach meiner Buchidee.
Ich schüttele den Kopf. „Ich kann noch nicht zu viel sagen“, antworte ich und lache ein bisschen. „Es wird ein Kinderbuch mit Kreidefelsen, Leuchttürmen und fantastischen Wesen.“
Orlando horcht auf. Im Zug zurück sitzt er auf meinem Schoß. Er hebt den Kopf: „Wieder keine Katzen in deinem Buch, hab´ ich recht?“
Ich seufze ein wenig und bekenne die Wahrheit. „Ich fürchte nicht, Orlando.“
Der Kater schnurrt leise. „Du musst es ja wissen.“ Er leckt sich seine Pfote und dreht dann den Kopf zu mir: „Irgendwann schreibe ich auch mal ein Buch“, sagt er. „So wie du!“
„Klar!“, sage ich und frage mich doch ein wenig, wie ein Kater, der nur in meinem Kopf existiert, ein Buch schreiben will.
„Ich habe so viele Ideen!“ Orlando legt den Kopf platt auf meine Knie und schließt die Augen.
„Willst du mir mehr davon erzählen?“, frage ich und bekomme keine Antwort. Er ist eingeschlafen.